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Moral |
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Es mag zwar Menschen geben, die im Verlaufe ihres ganzen Lebens nicht mit einem Rechtsanwalt, einem Priester, einem Zimmermann oder einem Kammerjäger in Berührung kommen. Hingegen begleiten uns der Arzt, sein Berufsstand und seine Heilkunde von der Empfängnis bis zum Tode. Unser Leben wird nicht unwesentlich von ihnen bestimmt. Ob wir nun aus Krankheitsgründen leiden oder auch aus anderen Gründen die fachmännische Hilfe der Ärztin oder des Arztes benötigen, in jedem Falle vertrauen wir ihnen, ihrem Berufsstand und ihrer Heilkunde uns und unser Leben an. Dabei erwarten wir von ihnen, daß sie uns helfen, so gut sie können. Gutes ärztliches Handeln in der Praxis und gute medizinische Forschung in der Wissenschaft, das ist es, was wir von ihnen erwarten.
Aber welches ärztliche Handeln ist gut?
Welche medizinische Forschung ist gut? Ist es zum Beispiel gut, wenn ein Arzt die Krankheit eines Herzkranken zwar richtig diagnostiziert hat und auch die entsprechende Therapie weiß, ihn aber statt am Herzen unnötigerweise am Magen behandelt? Die Antwort ist klar: Nein. Um gut zu sein, muß sich das ärztliche Handeln schon mindestens im Rahmen dessen bewegen, was medizinisch richtig ist. Das ist eine notwendige Bedingung. Aber das medizinisch Richtige ist noch nicht hinreichend, um eine ärztliche Handlung als gut zu bezeichnen. Denn eine Frage wie diese, ob der Arzt beispielsweise eine Schwangerschaft künstlich unterbrechen oder einem Kranken ein tödliches Mittel verabreichen darf, wird vom medizinischen Wissen nicht mehr erfaßt. Das ärztliche Handeln hat offensichtlich außer seiner medizinischen Qualität, richtig oder falsch zu sein, auch eine zweite Qualität, gut oder nicht gut zu sein. Wir nennen sie seine moralische Qualität. Diese moralische Qualität der ärztlichen Handlung eines Arztes wird nicht von seinem medizinischen Wissen bestimmt. Dafür braucht jeder Arzt ein anderes Regelsystem, welches regelt, was er als Arzt tun darf, was er tun soll und was er nicht tun darf. Einfache Beispiele sind: Du darfst unter den Umständen A, B, C eine Leibesfrucht abtreiben. Du darfst unter den Umständen D, E, F die Atempumpe abschalten. Du darfst unter keinen Umständen einen Patienten aktiv töten. Die Gesamtheit eines solchen Regelsystems nennen wir ein moralisches Regelsystem oder Normensystem, ein Moralsystem oder kurz die Moral des betreffenden Arztes:
Es leuchtet ein, daß es nicht nur eine Moral gibt oder geben muß,
sondern viele und zahlreiche, möglicherweise also mindestens so viele, wie
es Menschen und Gruppen gibt, folglich potentiell unendlich viele
Moralen. Würde man jedoch zulassen, daß
jeder
Arzt in seinem
Beruf seiner persönlichen Moral folgt und ärztlich so handelt, wie er
selbst es dieser Moral zufolge gut findet, hätte man in der Heilkunde im Endergebnis eine
Moralanarchie, die an sich schon nicht mehr als gut zu bezeichnen wäre, weil wir
als Patienten dann nicht mehr wüßten, welchem Arzt wir uns und unser
Leben anvertrauen sollten. ("Welcher Arzt hat die beste Moral,
damit ich ihn konsultiere, weil ich krank bin?".) Wir wollen weiter unten sehen, wie die Medizinethik dieser Anarchie
und dieser Unsicherheit entgegenwirkt. |
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